Purpose oder Auftrag: Ein Henne-Ei-Problem?

Aktualisiert: 25. Okt 2019

Kürzlich saß ich mit einer ehemaligen Kollegin beim Business-Lunch. Sie hatte sich selbständig gemacht und war trotz ihres Erfolges nach einem Jahr wieder zurück in ihre Festanstellung gekehrt. Hatte es nicht funktioniert?


Doch, und wie! Jede Menge lukrative Aufträge flatterten ins Haus. Der Beweis dafür waren 15 Kilo weniger auf der Waage, die die neue Form ihrer Arbeit mit sich brachte. Und trotzdem wollte sich dieses erhoffte und lang ersehnte „Gefühl von Freiheit“ einfach nicht einstellen.


Ihr Traum war es, die neue Arbeitswelt mittags mit ihrem Foodtruck mit gesundem und hochwertigem Essen zu versorgen. Superfood statt Currywurst, Quinoa Bowl statt Pommes rot weiß. Die eigene Kreation der kulinarischen Foodtruck-Highlights lag ihr deshalb dabei besonders am Herzen. Und: Sie selbst wollte ihr Angebot bestimmen – so wie es für sie Sinn machte, ganz ohne Vorgaben „von oben“.


Ihr Angebot war bei Kunden gefragt, insbesondere bei Großkunden. Doch sie bevorzugten anstelle des Foodtrucks lieber altbewährtes „Essen auf Rädern“. Catering. Nicht ganz das ursprünglich geplante Konzept, zumal auch der Healthy-Food-Faktor immer mehr in den Hintergrund rückte. So kam es, dass so mancher Auftraggeber erneut "von oben" skurrile Speisen orderten:


"Griechischen Salat, aber ohne Feta und Oliven bitte."


Was machte das für einen Sinn? Leider spülten jedoch eben genau diese Aufträge die rentablen Einnahmen in die Kasse - und gleichzeitig Stück für Stück ihr eigenes Freiheitsgefühl hinfort. Sie arbeitete entgegen ihres eigenen „Why‘s“ - für einen Traum, der längst nicht mehr ihr eigener war.


So kehrte sie zurück ins Angestelltenverhältnis, glücklich. Bereut hat sie nichts. Sie hatte es getan, ausprobiert und vor allem vieles über sich selbst und ihre persönlichen Werte gelernt. Sie hat begonnen, ihre Arbeitswelt mit anderen Augen zu betrachten und einige ihrer persönlichen Ansichten zu korrigieren. Vieles, was sie einst in ihrem Job als wichtig erachtet hatte, war heute reine Nebensächlichkeit. Anderes, das sie früher noch nicht einmal bemerkt hatte, wurde elementar wichtig - für ihre neue Freiheit ohne Selbständigkeit. Doch auch heute fragt sie sich noch, wie „Selbstständigkeit“ aussehen muss, damit sich das ersehnte Freiheitsgefühl am Ende auch einstellt.


Wie kann es gelingen, seinem eigenen „Why“ trotz verlockender, lukrativer Angebote treu zu bleiben?


Oder funktioniert es ganz einfach nach dem Ausschlussprinzip wie Jean-Jacques Rousseau einst sagte: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will“? Wenn wir wissen, was wir nicht tun wollen, arbeiten wir dann schon an den Dingen, die wir wollen? Und sind wir, wie Prof. Dr. Frithjof Bergmann regelmäßig in den Diskussionen der New-Work-Bewegung als Frage aufwirft, überhaupt noch in der Lage etwas „wirklich, wirklich zu wollen“?


Viel Spaß beim Sinnieren und Diskutieren...

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